Zum besseren Verständnis:
Die Mittelmeerküste südlich von Gazipasa (Richtung Anamur) ist im wesentlichen steil und zerklüftet, es gibt kaum Buchten mit Strand. Obwohl der Taurus ein Faltengebirge ist, wie die Alpen, sieht der Nahbereich doch sehr nach vulkanischem Ursprung aus. Große Felsbrocken sind abgebrochen und ins Meer gerollt, wo sie nun in einigen Metern Abstand vor der Küste liegen. Rolf ist ein Freund und Nachbar aus der Palmiye-Anlage am Fluss, der sich im letzten Jahr ein offenes Motorboot gekauft hat, ca. 6 m, Aussenborder. Er hat Bootserfahrung, da er früher in Holland ein eigenes Motorboot gefahren hat. Wir beide sind der Stamm des (inoffiziellen) „Deutscher JAWA-Oldtimer-Club von Gazipasa“. Er kriegt „alles“ wieder ans Laufen …
Wir hatten uns für 10 h bei ihm verabredet für ein Strandpicknick am Melody-Strand, der am besten vom Wasser aus, mit dem Boot zu erreichen ist: Gut 2 Std. Fahrtzeit mit dem Boot (oder ca. 25 Straßenkilometer auf der Küstenstraße D400 + abenteuerliche Abfahrt von ca. 250 m auf ca. 50 m Höhe, wo ein kleines Restaurant ist + Abstieg zu Fuß an den Strand). Jeder hatte etwas vorbereitet, Rolf Hühnerschenkel, ich Nudelsalat, eine große Kühlbox mit Getränken. Rolf hatte das Boot schon an seinen Pickup gehangen, wir haben es mit unseren Sachen beladen, den Tank aufgefüllt – und ab ging's an den Hafen. Dort gibt’s eine einfache Slipbahn aus Kies, das Boot war problemlos im Wasser. Auto mit Hänger parken – und schon waren wir auf dem Wasser unterwegs. Kaum waren wir aus der Hafeneinfahrt und vor der Hafenmohle, da merkten wir, wieunruhig das Meer war, was man von Land aus nicht gleich bemerken konnte, da es keine Schaumkronen gab. Wir tuckerten entlang der Küste – Bananen, Bananen, Bananen … Passierten die Thunfisch-Zuchtnetze in nächster Nähe. Ich saß ganz vorne zur besseren Gewichtsverteilung – ungemütlich, da die Wellen harte Schläge verteilten, die bös' auf's Rückgrat gehen, wenn man nicht aufpasst, sprich locker mit dem Boot mitgeht, was auf Dauer ganz schön anstrengend ist. Die Melody-Bucht ist vielleicht 200 m breit, auf beiden Seiten von Felsbrocken „eingerahmt“, die verstreut weit ins Meer reichen. Der Strand ist, wie praktisch überall hier, kurz und steil, aus Kies. Wir wollten das Boot mit „Schmackes“ mit dem Bug voraus auf den Strand auffahren. Da Rolf nicht sicher war, wo nun überall noch Felsen im Wasser versteckt waren, ist er eher vorsichtig an den Strand gefahren, die ausgewählte Stelle war relativ steil, das Boot kam nicht hoch genug, blieb mit dem Heck im Brandungsbereich stecken. Schon die erstnächste Welle schlug über das Heck ins Boot – und jede weitere. Sofort schwammen unsere „Klamotten“ auf bzw. wurden im Boot überflutet: Meine Strandtasche mit trockenen Sachen und Handtuch, frischem Brot, die Kühlbox, Rolf's Sachen mit Handy, Kamera, Schlüsseln, eine Alu-Bootskiste mit GPS … Diese Sachen mussten zuerst in Sicherheit gebracht werden, aus dem Boot 'raus, dazu schnell den Fischfinder abmontieren. Als nächstes war klar, dass das Heck aus den Wellen gedreht werden musste. Aber wie, wenn fast 1 t Wasser im Boot ist!? Jede größere Welle ausnutzend haben wir zu zweit – wir waren mutterseelenallein am Strand - das Boot so weit gedreht gekriegt, dass es parallel zum Strand lag. Aber auch nicht viel besser: Mit jeder Welle kippte das Boot hin und her, schlug von der Seeseite immer wieder voll. In den nächsten 1 – 2 Stunden haben wir bis zur Erschöpfung alles mögliche versucht. Zunächst das Boot völlig ausräumen, um den Inhalt zu sichern und es ggfs. leichter zu
machen: Benzintank, 2 Notruder, 2 Anker mit Kette und Tau, die Bodenmatten und überhaupt alles. Dann haben wir Wasser geschöpft, mit einer großen Kelle, mit dem Deckel der Kühlbox, zuletzt mit der großen Kühlbox selbst – vergeblich: Jede größere Brandungswelle schwappte über die Reling, bis das Boot wieder randvoll Wasser stand.
Mit dem Wasser drin, haben wir es nicht weiter gedreht gekriegt – der Bug musste gegen die Wellen stehen. Inzwischen war im Restaurant oben aufgefallen, wie wir uns vergeblich abmühten. Zufällig kamen 3 Gendarmen dort „vorbei“, die von der jungen Frau zu unserer Unterstützung nach unten an den Strand dirigiert wurden. Die haben sich zwar redlich bemüht, haben sich nasse Füße in ihren Uniformen geholt – aber das Boot bewegte sich keinen Deut. Nicht in
die richtige Richtung, die wir wollten. Denn die Brandung bewegte das Boot schon, leider immer weiter auf einen großen Felsen zu. Das könnte zu einer echten Havarie führen – die Gewalt des Wassers hatten wir zur Genüge zu spüren bekommen. Da die beiden Anker im losen Kies des Strandes keinen Halt fanden, um das Boot zu stabilisieren, haben wir schließlich ein langes Tau an einen größeren Felsbrocken angebunden in der vagen Hoffnung, dass die Bewegung des Bootes aufgehalten werden könnte. Uns war inzwischen klar, dass wir so, wir beide alleine, das Boot nicht wieder flott machen würden können. Wir mussten Hilfe aus Gazipasa herbeiholen. Aber Handy, Kamera, GPS lagen mit eingedrungenem Wasser am Strand, funktionierten nicht. Oben im Restaurant gibt es Festnetz – aber wer hat heute noch Tel.-Nrs. Im Kopf …? Gott-sei-Dank waren Rolf's Nrs. auf der SIM-Karte gespeichert, die in einem anderen Handy oben ausgelesen werden konnten. Gegen 16:00 h kam er an den Strand zurück mit der guten Nachricht, dass er seinen türk. Freund erreicht habe und der einen Fischer mit Boot und 3 Mann Besatzung auf den Weg schicken wolle. Nun hieß es für uns warten und beobachten, dass das Boot nicht doch noch zerschellte. Beobachten heißt, dass wir teilweise zu zweit mit den Rudern senkrecht im Kies gegen den Bug als Hebel gegen die Wellen angewuchtet haben. Bis sich Wind und Wellen drehten, die das Boot um fast 180° ohne unser Zutun drehten, langsam aber sicher wieder vom Felsen weg bewegten – nur den Bug gegen die Brandung stellen, das haben wir nie geschafft. Wir waren inzwischen geschafft, vor allen Dingen unsere Fußsohlen: Der Kies ist eine echte Qual, mit und ohne Sandalen an den Füßen! Nach langem sehnsüchtigen auf's Meer starren, erschien schließlich der kleine Punkt am Horizont, der uns Hilfe bringen sollte: Ein für die Fischer hier typisches ca. 8 m Holzboot. Der Punkt wurde größer, nahm Konturen an – und nur ein Mensch bewegte sich an Bord. Der warf ca. 40 m vor'm Strand den Anker aus und schwamm zu uns – ein kräftiger junger Mann, aber eben nur einer. Als wir auch zu dritt, auch bei „günstigen“ Wellen, das Boot nicht gegen die Brandung gestellt bekamen, haben wir „im Akkord“ Wasser geschöpft. Alles vergeblich, jede größere Welle schlug das Boot wieder voll. Schließlich hatte der junge Mann die einzig richtige Idee: Wir mussten das Boot, so wie es parallel zur Brandung stand, mit der „richtigen“ Welle umkippen, so dass das Wasser auslaufen konnte, und dann hoffen, dass nicht gleich die nächste Welle wieder alles zunichte machen würde. Eine Mords-Anstrengung, mehrfach vergeblich, aber einmal erfolgreich, wir konnten das Boot auf dem Kies drehen – und es schwamm bei der nächsten Welle auf. Schwimmend wurde es aus der Brandung gedrückt, mit Anker vor der Küste in Nähe des Fischerbootes gesichert. Rolf war auf seinem Boot und schöpfte Wasser, der Fischer brachte schwimmend den Benzintank auf's Boot – aber die Batterie sagte keinen Mucks mehr. Ich saß am Strand mit unserem verstreuten „Strandgut“: Nasse Klamotten, Schwimmflossen, nasse Elektronik, alle Bootsutensilien. Wie sollten die wieder an Bord kommen? So nicht!!
Gegen 19 h nahm das Fischerboot Rolf's Boot an die Leine und „dampfte“ ab zurück nach Gazipasa. Ich würde alles nach oben zum Restaurant schleppen, wo mich Rolf später mit dem Auto abholen würde. Bis zum Dunkelwerden blieben mir knapp 2 Std., also yavas, yavas. Der Aufstieg (bzw. Abstieg) erfolgt über einen Trampelpfad, hauptsächlich die natürlichen Gegebenheiten des Hangs nutzend, aber auch mit einer Strecke von einfach angelegten Stufen. Ich habe das viermal hintereinander gemacht, mit jeweils Gewichten an beiden Armen, bis mir die Knie weich wurden – aber alles, bis auf den schweren Anker, war oben! Die beiden Damen des Restaurants haben sich fürsorglich um mich gekümmert – aber ich war einfach nur geschafft und habe die Zeit „abgesessen“. Mind. 2 Std. Rückfahrt, Boot aus dem Wasser holen und nach Hause bringen, sich um den Hund kümmern, hierher fahren – so war meine Rechnung, also so gegen 23 h könnte Rolf wieder da sein. Wenn man keinerlei Kommunikationsmöglichkeit hat, fühlt man sich ganz schön allein in so einer Situation: Ich hatte mein Handy gleich Zuhause gelassen, Rolf's funktionierte nicht. Ich
konnte nur hoffen, dass alles gut gegangen war und er bald auftauchen würde. Gegen 23:20 h hörten wir den Diesel den Abstieg machen. Alles aufladen, Rückfahrt, heisse Dusche, Flasche Bier, gegen 2 h im Bett! Nachlese:Ich hatte meinen gewünschten Strandausflug mit allem Drum und Dran: Bootfahren, reichlich Kiesstrand, Schwimmen, Picknick, sportliche Betätigung – Abenteuerfaktor zusätzlich. Rolf's Handy ist bis heute, eine Woche später, nicht wieder zum Leben erwacht. Das Boot haben wir gemeinsam gesäubert (von Zentnern Kies!), es hat keinen Schaden genommen, die Elektroniken müssen noch „getestet“ werden. Keiner wurde verletzt, Anstrengung mit folgendem Muskelkater tut mal ganz gut. Ein voller Erfolg!
Autor: Hans-Jürgen Stürmer

























































































































































































